Zwischen Karl Marx und Mutter Theresa

rund_lIch wollte unbedingt etwas über Karl Marx auf Deutsch schreiben, nachdem ich erfuhr, daß er als der drittgrößte Deutsche vom ZDF-Publikum ausgewählt wurde. In meinen Essays auf Chinesisch habe ich Marx häufig  erwähnt, aber nicht weil ich ihn verehre.

Wenn man wie ich unter einem kommunistischen Regime aufwuchs und wegen diesem Regime im Exil lebt, muß man sich mit Marx und seiner Wirkung auseinandersetzen. Schließlich hat das kommunistische Regime seit 1949 uns Chinesen Marxismus als Staatsideologie aufgezwungen. Seit die Kommunisten die Macht in China ergriffen, wollten sie mit Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Zedong die drei Heiligen: Konfuzius, Buddha Shakyamuni und Lao-tse der chinesischen Tradition ersetzen.
„Zwischen Karl Marx und Mutter Theresa“ weiterlesen

Was bedeutet die Partei in der Volksrepublik China?

rund_rDie Übermacht der Partei

Für einen Deutschen hat das Wort „Partei“ viele Bedeutungen. Verschiedene Parteien  stehen ihm zur Wahl – oder zum Beitritt offen -, wenn er sich politisch engagieren möchte. Er kann aus einer Partei auch wieder austreten, oder die Partei wechseln. Es mag mit Streitigkeiten verbunden sein, es kann die Laufbahn eines Politikers beeinträchtigen, aber keinesfalls geht es dabei um eine existenzielle Frage. Keine Partei kann über das Leben eines Mitgliedes bestimmen. Schließlich steht über allen Parteien das Grundgesetz bzw. die Justiz. Außerdem gibt es Glaubens- und Pressefreiheit.

Seit der Gründung der Volksrepublik China aber ist das chinesische Wort für „Partei“ (dang) in allen öffentlichen Medien Chinas einzig und allein für die kommunistische Partei reserviert, nachdem die kommunistische Partei etwa dreißig Jahre lang mit Propaganda und Gewalt die Republik China unter der Regierung von der Nationalistischen Partei (der Guomindang) auf die Insel Taiwan vertrieben hatte.

„Was bedeutet die Partei in der Volksrepublik China?“ weiterlesen

Auch ich bin ein Flüchtling

rund_lAls ich Ende 1988 mit einem Flugzeug der DDR Peking verließ, war ich voller Neugierde auf die BRD und ahnte nicht, daß ich damit dem kommunistischen Käfig entflohen war.

Bis dahin hatte ich 22 Jahre in der VR China gelebt und an nichts gezweifelt, was uns beigebracht worden war, z.B. daran, daß die kommunistische Partei das chinesische Volk von den „drei großen Bergen“ – Imperialismus, Feudalismus und Oligarchiekapitalismus befreit hätte. Wie hätte ich auch daran zweifeln können, da ich mit diesen Ismen gar nichts anfangen konnte? Als Schülerin blieb mir nichts anderes übrig, als die tote Theorie für die Prüfungen auswendig zu lernen, ohne etwas davon verstehen zu können.

„Auch ich bin ein Flüchtling“ weiterlesen

Der moderne Turm von Babel

rund_rBevor mich der Karneval wieder aus der Nähe vom Kölner Dom vertrieb, brachte mir die Zeitschrift „Kunst und Kultur“ eine Nachricht aus Düsseldorf, die diese Vertreibung wettmachte, denn der Geist von Heinrich Heine winkt mir wieder zu.
Mit leichtem Gepäck, aber schweren Gedanken nahm ich fluchtartig einen Zug den Rhein entlang, der ruhig fließt wie in Heines  „Lorelei“. Das deutsche Lied sang ich in China als Studentin voller Sehnsucht, während ich in der Schule „Die schlesischen Weber“ auf Chinesisch auswendig lernen musste. Dann promovierte ich mit einer Dissertation über das Frauenbild von Heine und fünf weiteren Dichtern an der deutschen Universität seines Namens. In Heines Geburtshaus hatte ich meine erste Dichterlesung. In Heines Elternhaus in Lüneburg brachte ich mein „Buch der Rätsel“ zu Papier. Nun habe ich gerade einen Zugang zu Religionen gefunden, schon ruft sein Geist mich zu einem schriftlichen Zeugnis auf. „Der moderne Turm von Babel“ weiterlesen

Über Lu Xun und die drei Heiligen

rund_l– Rede bei der Lesung am 11.03.04 im Museum für Ostasiatische Kunst

Jeder Schüler in der VR China muß sich mit Lu Xuns Schriften beschäftigen. Ich habe sie teilweise auswendig lernen müssen, aber ich verstand sie nicht. Mit seinen berühmten Figuren, dem Geisteskranken oder den Gaunern konnte ich nichts anfangen. Mich interessierten die wunderbaren Taoisten und Buddhisten aus den chinesischen Klassikern wie „Der Traum der roten Kammer“ oder „Die Reise in den Westen“.

Das Pekinger Massaker hat in mir einen Gegner der kommunistischen Machthaber hervorgerufen. Gleichzeitig begann ich auch, mich mit der chinesischen Kultur auseinanderzusetzen, die Lu Xun als menschenfressend abtut. Mit seinen antikonfuzianistischen und atheistischen Schriften hat Lu Xun einen großen Beitrag dazu geleistet, daß die Kommunisten unter der Führung von Mao die Macht in China ergriffen, weswegen er von Mao zum Heiligen des modernen Chinas ernannt wurde. „Über Lu Xun und die drei Heiligen“ weiterlesen

Rede auf der Kundgebung am Allerheiligen 2003 vor dem Kölner Dom

rund_rEs freut mich, daß wir uns für ein gemeinsames Ziel am Kölner Dom zusammengefunden haben.
Am 1. Oktober 1949 rief der Mao auf dem Platz des himmlischen Friedens aus, daß das chinesische Volk aufgestanden sei. Zu diesem Zeitpunkt aber konnten diejenigen Chinesen, die im Bürgerkrieg umgebracht wurden, bereits nicht mehr aufstehen. Nach der Machtergreifung der Kommunisten wurden und werden unzählige Menschen niedergeschlagen. Nicht nur Tibeter, Mogolen usw. werden Opfer dieser Diktatur. Auch chinesische Arbeiter und Bauern, die den Kommunisten zur Macht verholfen haben, sind Opfer. Allein bei der großen Hungersnot, die der sogenannte „große Sprung nach vorne“ verursachte, sind mindestens 30 Millionen Bauern verhungert. Der erste Kaiser in China wurde dafür geächtet, daß er einmal etwa 500 konfuzianische Gegner umbrachte. Aber diejenigen Intellektuellen, die in der sogenannten Kulturrevolution umkamen, sind vielfach mehr, genaue Zahlen kann man noch nicht ermitteln, weil die Kommunisten es nicht zulassen.
Aber die Kommunisten konnten nicht verhindern, dass am 4. Juni 1989 die Weltöffentlichkeit erfuhr, wie die kommunistischen Panzer das chinesische Volk niederwälzten. „Rede auf der Kundgebung am Allerheiligen 2003 vor dem Kölner Dom“ weiterlesen